Weltkarte mit 5 Kipppunkten - im Hintergrund fallende Dominosteine

„Grad jetzt! – Gegen die Angst“ – Recap zum Event mit Louisa Schneider

Das Buch und die Live-Show „Grad jetzt! – Gegen die Angst“ von Greenpeace und Louisa Schneider machen sichtbar: Die Klimakrise ist für viele Menschen längst keine Zukunftsfrage mehr, sondern Alltag. Beharrlich setzen einige von ihnen der Krise etwas entgegen, und kämpfen damit nicht nur um ihre eigenen, sondern um unser aller Lebensgrundlagen. Der folgende Artikel fasst die positive Essenz des Events zusammen.

Im April und Mai 2026 tourte Louisa Schneider für Greenpeace mit einer Foto-Dokumentation durch mehrere deutsche Städte. Sie bewarb damit ihr Buch „Grad jetzt! – Warum wir die Hoffnung nicht aufgeben dürfen – eine Reise zu den Klimabrennpunkten unseres Planeten“.

Zusammen mit einem Team von Greenpeace, u.a. mit Naturfotograf Markus Mauthe, besuchte sie dazu fünf Klimakipppunkte in verschiedenen Regionen der Welt – Orte, an denen die fatalen Folgen der Klimakrise bereits sichtbar und für viele Menschen spürbar sind.

Die Etappen dieser Reise:

  • Brandrodungen im Amazonas Regenwald – Brasilien
  • Steigender Meeresspiegel und Überfischung – Senegal
  • Teersand-Abbau, Waldbrände und das Tauen der Permafrostböden – Kanada
  • Verlust des Eisschilds – Grönland
  • Absterbende Korallenriffe und Kohleminen – Australien

Einleitend wurde auf der Veranstaltung das Phänomen der Kipppunkte erklärt.

Klima-Regler des Planeten – Die 16 Kipppunkte

Es gibt insgesamt sechzehn bekannte planetare Regelsysteme, die das Erdklima entscheidend beeinflussen.

Wenn diese Systeme aus dem Gleichgewicht geraten und sich nicht mehr balancieren, erreichen sie irgendwann einen Kipppunkt, an dem keine Stabilisierung mehr möglich ist.

Nach dem Kippen kehrt ein System nicht mehr in seinen ursprünglichen Zustand zurück.

Dieser Mechanismus wird am Beispiel vom Wasserglas verdeutlicht:

  • Ein stabiles System ist wie ein Wasserglas in der Mitte eines Tisches.
  • Wenn es nachhaltig gestört wird, verschiebt sich das Wasserglas an den Rand des Tisches, immer näher zur Kante, bis es kippelt.
  • Der Kipppunkt ist erreicht, wenn das Wasserglas an der Kante abstürzt und zerbricht.
  • Das so verschüttete Wasser kehrt nie wieder in das Glas zurück.

Johan Rockström ist Resilienzforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er hat schon auf dem Weltwirtschaftsforum 2023 in Davos eine Rede zum kritischen Zustand der Kipppunkte gehalten.

Rockströms drastische Aussage:

„1,5 Grad mehr sind kein politisches Ziel, sondern eine physikalische Grenze.“

Denn neun dieser Systeme sind bereits in einem kritischen Zustand und könnten kippen.

Da sich die Kippelemente gegenseitig beeinflussen, könnte das Kippen einzelner Systeme das gesamte planetare System zum Kippen bringen.

Rockström schlussfolgert daraus:

„Wir befinden uns nicht nur in einer Klimakrise, sondern in einer planetaren Krise.“

Die fünf Stationen der Reise

Nach den Erläuterungen, was Kipppunkte überhaupt sind und welche Bedeutung sie für unseren Planeten haben, führte die Reise über die fünf ausgewählten Regionen:

  • Brasilianischer Regenwald,
  • die Küste des Senegal (Westafrika),
  • das Teersand-Abbaugebiet in Alberta (Kanada),
  • das grönländische Eisschild,
  • die Korallenriffe vor Australien.

Auf die einzelnen Regionen gehe ich in diesem Artikel nicht näher ein, empfehle aber das Buch „Grad jetzt!“ von Louisa Schneider zum Nachlesen (auch gebraucht und in der Bibliothek erhältlich).

Viele der in der Veranstaltung genannten Fakten waren notwendig, um die Klimakrise bzw. die planetare Krise, in der wir uns befinden, besser zu verstehen.

Sie halfen auch, die Schilderungen an jedem der besuchten Kipppunkte einzuordnen und deren Auswirkungen auf das planetare große Ganze zu realisieren.

Zur Bekämfpung der Angst – wie es der Titel versprach – trug das jedoch nicht unbedingt bei. Vielleicht förderte es die Angst sogar noch, angesichts teils drastisch formulierter Beschreibungen und beklemmender Bilder, z.B. von den Abbaugebieten für Teersand in Alberta, Kanada.

Was beim Event zu kurz kam

Wirksame Methoden gegen Angst und Ohnmacht

Was ich persönlich an positiven Informationen herausfiltern konnte:

  • Indigene Völker machen nur etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung aus, doch gleichzeitig leben viele von ihnen in Regionen mit außergewöhnlich hoher biologischer Vielfalt. Ihre Territorien gehören weltweit zu den wichtigsten Räumen für den Schutz von Ökosystemen und Arten.
  • Indigene Aktivist*innen und ihre Unterstützer*innen klagen zum Schutz ihrer Lebensgrundlagen vor lokalen Gerichten oder der UN-Menschenrechtskommission (Queensland, Australien) und sind dabei erfolgreich.
  • Im brasilianischen Amazonas wird deutlich, wie erfolgreich sich indigene Gemeinschaften, darunter die Yanomami, gegen die Zerstörung ihrer Lebenswelt stellen: Um das Jahr 2000, so sieht man auf Satellitenfotos, stoppen die Brandrodungen im Regenwald an einer „magischen“ Grenze ihres Territoriums, während sich die Zerstörung überall sonst fortsetzt.
  • Menschen sind im Grunde gut: Auf die Frage, warum er bei den schweren Waldbränden in British Columbia, Kanada zusammen mit Feuerwehrleuten aus Australien und Afrika hilft, obwohl es bei ihm zuhause auch brennt, sagt ein Brasilianischer Feuerwehrmann: „Grenzen sind nur Linien auf einer Karte.“ Er ergänzt, dass die Klimakrise ein globales Problem sei, also müssten wir global als Weltgemeinschaft dagegen vorgehen.
  • In Kédougou (Senegal) ist mit Hilfe der Hilfsorganisation ActionAid ein Gemeinschaftsgarten von Frauen für Frauen entstanden. Sie nutzen traditionelle Pflanzensorten, die sich in den vorherrschenden klimatischen Bedingungen besser behaupten, als das von globalen Großkonzernen bereitgestellte Saatgut. Letzteres hat sie abhängig von bestimmten Düngemitteln und Pestiziden gemacht. Mit dem Garten bauen die Frauen Nahrung wie Kohl, Rüben, Maniok, Okratschoten und Auberginen für sich an, erzielen ein Einkommen und erlangen ihre Macht und Unabhängigkeit zurück.
  • Das Forever Reef Project in Australien bewahrt über 390 lebende Proben von Korallen auf, um sie eines Tages wieder auszusetzen, falls sich die Gewässertemperaturen am Great Barrier Reef (einem entscheidenden Kipppunkt) wieder stabilisieren. Von einer Massenbleiche können sich Korallen tatsächlich wieder erholen, sofern die Umweltbedingungen stimmen. Es dauert „nur“ 10-15 Jahre, was erdgeschichtlich ein sehr kurzer Zeitraum ist.

Was diese Orte gemeinsam haben

Die fünf Stationen der Reise von Louisa Schneider und dem Greenpeace-Team – Brasilien, Kanada, Grönland, Senegal und Australien – zeigen letztlich:

  • Menschen handeln unter sehr unterschiedlichen Bedingungen und passen sich dabei an
  • Lösungen sind lokal, nicht durch übergeordnete Institutionen vorgegeben
  • Wirkung entsteht aus Beziehung (zum Ort, zu den Lebensgrundlagen und der Menschen zueinander), Wissen (altem und neuem) sowie der Fähigkeit zur Anpassung
  • und vor allem: trotz Unsicherheit wird weitergemacht – denn es geht um alles

Die Geschichten zeigen, wie Gesellschaften handlungsfähig bleiben, wenn sie:

  • mit dem zu Schützenden verbunden bleiben
  • sich organisieren
  • kleine und große Erfolge gemeinsam erleben
  • Mut und Hoffnung bewahren

Lokale Verbundenheit stärkt den Schutz

Indigene Gemeinschaften und lokale Aktivist*innen schützen ihre Lebensräume nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern weil sie Teil ihrer Identität, Ernährung und Kultur sind.

Wirksamer Schutz entsteht dort, wo Menschen dauerhaft mit dem verbunden sind, was sie schützen.

Ihre Erfolge sind kein „großer Sieg“ im klassischen Sinne, keiner den wir in einer Nachrichtensendung bestaunen können.

Es ist vielmehr ein dauerhaftes Gegenhalten, ein nachdrückliches Halten ihrer Lebensräume.

Dort, wo Menschen eine starke Verbindung zu ihrem Lebensraum haben, bewahren und stärken sie ihre Zukunftsfähigkeit.

Weil es um etwas geht, das sie nicht kaufen können: Trinkwasser, Nahrung, Medizin, Kleidung und Obdach – ihre Lebensgrundlagen.

Die notwendige Verbindung können wir auch zu unseren Wohnorten, in unseren Nachbarschaften, Gemeinschaften und an unseren Arbeitsplätzen herstellen.

Denn bei der planetaren Krise geht es auch um unsere Lebensgrundlagen.

Mehr über das Event „Grad jetzt! – Gegen die Angst“:


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