Am 6. Mai 2026 fand im Neuen Lichtspielhaus Beelitz die Auftaktveranstaltung für das Forschungsprojekt PreGraze zur Waldbrandprävention statt. Feuerökologin Juliane Baumann entwickelt hierfür gemeinsam mit Feuerwehr, Forstverwaltung und Naturschutz eine Methode, um das Brandenburgische Beelitz besser vor Waldbränden zu schützen. Die stillen Stars des Projekts: Schafe, Ziegen und ihre Hirten.
Systemwandel im Wald: Wenn Feuerökologie auf Ziegen trifft
Manchmal beginnt Systemwandel überraschend unspektakulär. Zum Beispiel mit einer Herde Ziegen.
Feuerökologin Juliane Baumann arbeitet im Forschungsprojekt PreGraze (Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg) daran, Waldbrandprävention neu zu denken. Statt ausschließlich auf Maschinen oder Brandbekämpfung zu setzen, integriert sie den Ansatz der Waldweide in das Feuermanagement.
Schafe und Ziegen reduzieren dabei gezielt Vegetation und damit Brennmaterial; einen der entscheidenden Faktoren für die Intensität von Waldbränden.

Für ihre Arbeit im Feuermanagement wurde Juliane Baumann 2025 mit dem Firebreak Award in Calgary, Kanada ausgezeichnet. Neben Forschung und Beratung war sie auch regelmäßig bei der Waldbrandbekämpfung in Katalonien, Spanien im Einsatz.
Was zunächst wie ein Naturschutzprojekt wirkt, ist in Wahrheit ein Beispiel für sozial-ökologische Transformation: Mehrere Systeme wie Forstwirtschaft, Katastrophenschutz, Landwirtschaft und Naturschutz arbeiten hierbei zusammen.
Solche interdisziplinären Konstellationen entstehen auch bei der systemischen Organisationsberatung, wenn unterschiedliche Abteilungen oder Akteure miteinander an Lösungen arbeiten.
Waldbrände in der Klimakrise: Warum Brandenburg besonders gefährdet ist
Waldbrände gehören grundsätzlich zur Natur. Einige Ökosysteme regenerieren sich nach Feuer besser als andere und manche sind sogar abhängig von Feuer, wie z.B. die Heide in unserer Kulturlandschaft. Auch Kiefern können von Feuer profitieren.
Problematisch wird es, wenn:
- Brände häufiger auf derselben Fläche auftreten
- sie heißer und länger brennen
- das Feuer Siedlungen bedroht
- zusätzlich starker Wind, Dürre und/oder Hitze herrschen
In Brandenburg treffen mehrere Risikofaktoren aufeinander, die solche gefährlichen Brände wahrscheinlicher machen:
- sandige Böden mit geringer Wasserspeicherung
- länger werdende Trockenperioden
- steigende Temperaturen
Die Folge: Die Waldbrandsaison ist längst nicht mehr nur auf den Hochsommer beschränkt.
Ein besonders dramatisches Beispiel war der Brand von Fichtenwalde 2018[1], bei dem ein Waldbrand mehrere Tage lang brannte und die Löschwasserkapazitäten aufbrauchte. Im Zuge dessen explodierte Munition im Wald und die Flammen näherten sich den Häusern bis auf wenige hundert Meter. Nur vier Jahre später brannte es im Beelitzer Wald auf einer Fläche von 230 Hektar. Das Feuer kam hier bis auf wenige Meter an das erste Haus der Stadt Beelitz heran.
Diese Situationen zeigen auf, wie dringend ein Waldbrandschutzkonzept für Siedlungen in Waldnähe gebraucht wird.
Das Waldbrand-Dreieck: Der Schlüssel zur Prävention
Die Feuerökologin Juliane Baumann erklärt das Brandverhalten mit dem Waldbrand-Dreieck.

Drei Faktoren bestimmen das Brandverhalten bei einem Waldbrand:
- Wetter
- Topografie
- Brennmaterial (Vegetation)
Die ersten beiden lassen sich kaum beeinflussen.
Das Forschungsprojekt PreGraze setzt deshalb am dritten Faktor an: dem Brennmaterial. Dabei spielen die Beschaffenheit (Typ), die Anordnung und die Menge des Brennmaterials eine Rolle. Weniger brennbare Biomasse bedeutet geringere Brandintensität.
Aber Moment! Das kann doch nicht weg! Wir wollen doch Biomasse im Wald – Totholz ist doch gut für die Artenvielfalt.
Genau damit entsteht ein Dilemma zwischen Naturschutz und Bevölkerungsschutz.
Denn aus Sicht des Naturschutzes gilt: Totholz und dichte Vegetation sind wertvoll für die Biodiversität. Sie gelten als Wasserspeicher, Biotop für Kleinstlebewesen und Nährstofflieferanten.
Wie also beides verbinden?
Waldbrandschutz und Biodiversität: Nur ein scheinbarer Widerspruch
Die Lösung liegt darin, Vegetation nicht im dichten Wald, sondern nur in strategischen Zonen zu reduzieren:
- entlang befahrbarer Waldwege für die Feuerwehr
- auf Waldbrandschutzstreifen
- in Pufferzonen rund um Siedlungen
Diese Bereiche funktionieren im Brandfall wie Riegel für das Feuer.
Wenn ein Feuer an diesen Stellen aufgrund geringer Vegetationsmengen weniger Nahrung findet, können es Feuerwehrkräfte besser kontrollieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
Durch eine bestimmte Anordnung (räumliche Ordnung im Wald) kann man die Ausbreitung eines Brandes also begrenzen, betont auch Prof. Goldammer, langjähriger und weltweit geschätzter Feuerökologe.
Zudem lehrt die Permakultur mit dem Permakultur-Design-Prinzip „Nutze Randzonen, und schätze das Marginale“[2], dass in Übergangszonen wie Waldlichtungen, Waldrändern und auch Uferzonen die Biodiversität sehr viel höher ist als inmitten des betreffenden Ökosystems. Das führte auf der Auftaktveranstaltung auch Prof. Rupp von der Hochschule Rottenburg aus. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Waldweide und Lichtwäldern.
Doch wer hält die Waldbrandschutzstreifen dauerhaft frei?
Die stillen Stars: Ziegen und Schafe
Ziegen und Schafe übernehmen eine Aufgabe, die Maschinen nur begrenzt leisten können.

Weidetiere …
- halten Bodenvegetation kurz
- reduzieren Gräser und Sträucher
- legen Totholz frei oder trampeln es nieder
- erreichen schwer zugängliche Flächen
- verbinden beim Wandern durch verschiedene Ökosysteme diese zu einem Mosaik-Lebensraum – über mitreisende Samen und Insekten
- fördern dadurch sowie durch ihren Kot und das Auflichten der Flächen die lokale Biodiversität
- tragen zur naturnahen Landschaftsgestaltung in Wäldern bei
- sichern wichtige Zufahrtswege für die Feuerwehr
- ermöglichen ein Einkommen für Hirten
Kurz gesagt: Die Weidetiere verwandeln Brennmaterial in Milch, Wolle und Fleisch, fördern die Biodiversität und werden zudem artgerecht gehalten.
Sie schaffen das ohne fossile Kraftstoffe oder die Verdichtung von Waldböden, wie es schwere Maschinen vielerorts tun.
Exkursion in den Beelitzer Wald: Spuren des Feuers
Nach der Auftaktveranstaltung führte eine Exkursion in den Beelitzer Forst.

Die Spuren des jüngsten Brandes waren deutlich sichtbar: verkohlte Stämme bis in etwa einem Meter Höhe. Das Feuer brannte wegen der im Frühjahr noch spärlichen Boden-Vegetation und niedrigen Temperaturen glücklicherweise nicht intensiv und lange.
Deshalb leben diese Kiefern noch.
Gefährlich wird es für Bäume und menschliche Siedlungen, wenn das Feuer zu heiß, zu intensiv und zu lange an einer Stelle brennt und die dadurch entstehende Hitze tief in den Boden eindringt oder bis hoch in die Kronen aufsteigt.
Genau das passiert bei sehr viel und dichter Vegetation.
Dann entstehen aus Bodenfeuern schnell Vollfeuer, die kaum noch kontrollierbar sind. Das ist auch für Feuerwehrleute eine höchst bedrohliche Situation.
Waldweide: Eine retro-innovative Lösung
Die Idee, Tiere im Wald weiden zu lassen, ist nicht wirklich neu.
Der Dokumentarfilm „Heimat Natur“ von Melanie und Jan Haft[3] zeigt, wie sich Nutztiere einst frei im Wald bewegten, um die nur für sie verwertbare Pflanzenkost in Lebensenergie zu verwandeln.
Über Jahrhunderte gab es sogenannte Hutewälder[4], in denen Nutztiere frei grasten, stampften und Rinde knabberten. Vor ihnen schufen große wildlebende Weidetiere wie Hirsche und Auerochsen die ursprünglichen Waldlandschaften Europas. Diese Wälder waren alles andere als dicht und dunkel, so wie wir sie uns heute als natürlich vorstellen[5].
Erst moderne Forstwirtschaft und Eigentumsfragen verdrängten die Praxis der Waldweide und Hutewälder weitgehend.
Heute gilt die Waldweide als retro-innovativ, da sie eine alte Methode für neue Herausforderungen darstellt. Sie muss angepasst und als moderne Waldweide[6] neu gedacht werden: Der Kern des Forschungsprojektes PreGraze.
Die Waldweide bringt eine weitere heute unterschätzte Kultur zurück: die Hirtenzunft, deren Wissen über Landschaft und Tiere jahrhundertelang gewachsen ist, nun aber verloren zu gehen droht.
Bedeutungsvoll erscheint der Start des Projektes PreGraze in 2026 deshalb, denn 2026 ist das von den Vereinten Nationen (UN) ausgerufene „Internationale Jahr für Weidelandschaften und Hirten“[7]; eine Wertschätzung für diesen Berufsstand, der in enger Verbundenheit mit seinen Tieren und der Natur lebt und arbeitet.
Zusammenarbeit als Schlüssel der Transformation
Das Forschungsprojekt PreGraze verbindet mehrere Systeme:
- Feuerwehr
- Forstverwaltung
- Naturschutz
- Wissenschaft
- Landwirtschaft
Diese Zusammenarbeit ist alles andere als selbstverständlich, denn bisher wurden die unterschiedlichen Disziplinen separat gedacht und scharf voneinander getrennt.
Das führt auch zu Konflikten: Schafe und Ziegen unterscheiden nicht zwischen unerwünschten Sträuchern und frisch gepflanzten Baumsetzlingen der Forstverwaltung. Diese will Erkenntnisse über klimaresiliente Baumarten gewinnen und hofft auf ihr Überleben. Für das Weidetier ist jedoch fast alles schmackhaft, was grüne Stengel hat. Die Tiere machen ihre eigene Selektion.
Das bedeutet, ein Projekt-Erfolg von PreGraze braucht:
- Abstimmung zwischen Forst, Verwaltung, Naturschutz und den Hirten
- gemeinsame Ziele
- enge Zusammenarbeit
- Austausch von Wissen und Vorgaben
Genau hier wird PreGraze zu einem spannenden Labor für systemische Transformation.
Sozial-ökologische Transformation beginnt im Zusammenspiel der Systeme
Projekte wie PreGraze zeigen etwas Entscheidendes: Nachhaltige Lösungen entstehen selten innerhalb eines einzelnen Systems.
Sie entstehen an den Schnittstellen: hier zwischen Ökologie, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft.
Besonders interessant ist, dass bei PreGraze wissenschaftliche Forschung sehr bewusst mit praktischer Umsetzung verbunden wird. Solche Brücken zwischen Wissen, Praxis und unterschiedlichen Organisationen zu bauen, ist oft anspruchsvoll und gleichzeitig eine große Chance.
Genau diese Art von organisationsübergreifender Zusammenarbeit spielt auch in der systemischen Organisationsberatung eine wichtige Rolle. In meiner Arbeit unterstütze ich Organisationen dabei, ihre Rolle in der sozial-ökologischen Transformation zu finden, zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Denn Transformation bedeutet selten, sich allein auf neue Technologien oder Gesetze zu stützen. Sie bedeutet vor allem:
- ressortübergreifende Kooperationen
- Verständnis für andere Perspektiven
- neue Formen der Zusammenarbeit
- wertschätzende Kommunikation
Und manchmal beginnt Transformation – überraschend unspektakulär – mit einer Herde Ziegen.
Abrenzung: Ich schreibe über Systemwandler*innen wie Juliane Baumann, um über deren Arbeit aufzuklären und Lösungen zu zeigen. Die Feuerökologin sprach 2022 in einem Vortrag über die Waldweide – seither stehen wir in Kontakt. Nun durfte ich als Gasthörerin bei der Auftaktveranstaltung PreGraze dabei sein. Auch wenn ich im Text einige Vergleiche zur Transformationsberatung ziehe, bin ich nicht in das PreGraze-Projekt involviert, weder beratend noch begleitend. Der Artikel entstand aus reinem Interesse an Lösungen zum Systemwandel. Und ich mag Ziegen!
Quellen
[1] PDF: Zeugenbericht des Waldbrands nahe Fichtenwalde, 2018, zurück zum Text
[2] Erläuterungen zum Permakultur-Design-Prinzip „Nutze Randzonen, und schätze das Marginale“ nach David Holmgren, zurück zum Text
[3] „Heimat Natur“, Dokumentarfilm von Melanie und Jan Haft, Nautilus Film, 2020, zurück zum Text
[4] Wikipedia-Eintrag zum Hutewald, der traditionellen Waldweide, zurück zum Text
[5] Wissenschaft.de, Artikel „Ur-Landschaft Europas: Offene Flächen statt dichter Wälder“, 3.3.2026, zurück zum Text
[6] PDF: Moderne Waldweide als Instrument im Waldnaturschutz – Konzept für Baden-Württemberg, RUPP, M., FRANKE, A.; WEVELL VON KRÜGER, A.; SIEGEL, N., 2023, 76 Seiten, zurück zum Text
[7] Seite des „Bündnis für Weidelandschaften und Hirtentum“ zum Internationalen Jahr für Weidelandschaften und Hirten 2026, zurück zum Text
Als systemische Organisationsberaterin begleite ich Teams, Organisationen, Projekte und Einzelpersonen bei Themen und Herausforderungen der sozial-ökologischen Transformation. Über das Kontaktformular kannst Du ein kostenloses Kennenlerngespräch mit mir vereinbaren.